2017

DAS PANOPTICON ODER
DAS KONTROLLHAUS

Das Panopticon ist ein vom englischen Philosophen Jeremy Bentham entwickeltes Architekturprinzip, welches er 1787 in 21 Briefen darlegte. Der Kernpunkt des Panopticons lässt sich auf das Prinzip „sehen, ohne selbst gesehen zu werden“ verdichten. Die architektonische Beschaffenheit des Panopticons gewährleistet dabei dieses Prinzip. Vom Zentrum des Rundbaus aus können alle zu kontrollierenden Personen zu jeder Zeit gesehen und damit überwacht und kontrolliert werden, während die Überwachten sich ihrer Sichtbarkeit und ihrer potentiellen und auch zumeist real stattfindenden Überwachung bewusst sind.

Bentham ist sich des Ausmaßes und der Einsatzmöglichkeiten des von ihm beschriebenen Prinzips voll bewusst, was sich in Aussagen wie den nachfolgenden zeigt: Bentham spricht von einem großartigen und neuen
Herrschaftsinstrument (vgl. Bentham 2012, Kindle-Position 1344), dessen „großer Vorzug liegt in der enormen Macht, die es jedweder Institution verleihen kann, für die es angemessen erscheint. Sollte es jemals für irgendwelche verderbten Zwecke eingesetzt werden, dann wird die Schuld in diesem wie auch in jedem anderen Fall denjenigen zu- zuschreiben sein, die es missbrauchen.“ (Bentham 2012, Kindle-Positionen 1345-1348) So verwundert es nicht, dass dieses architektonische Herrschaftsinstrument in Gestalt des Panopticons von zahlreichen Philosophen und Interessierten aufgegriffen wurde, um auf dessen Grundlage neue weitreichende Überlegungen der Macht und Überwachung anzustellen.

Einer der bekanntesten Philosophen, welcher sich mit Benthams Panopticon auseinandersetzte und es als Grundlage für die Entwicklung seines neuen Begriffs „Panoptismus“ verwendete, dürfte wohl Michel Foucault sein. Seine Gedanken und Überlegungen breitet er in seinem Buch „Überwachen und Strafen“ (1975) aus.

Bentham, Jeremy: Das Panoptikum, Matthes & Seitz Berlin Verlag, 1. Auflage, Berlin 2012, Kindle-Version – ASIN: B01N9JMRP2

 

DAS PANOPTICON DES 21. JAHRHUNDERTS
(Kurzbeschreibung)

Überwachung ist im 21. Jahrhundert ein komplexes Phänomen, das viele verschiedene Erscheinungsformen und Auswüchse besitzt. Die Grundprinzipien des Panopticons und des Panoptismus sind immer noch gültig und können in den heutigen Überwachungsmechanismen aufgespürt werden. Die potentielle und bewusste Sichtbarkeit mit den einhergehenden Machtstrukturen, die Internalisierung von Normen sind weiterhin Grundbausteine der Überwachung des 21. Jahrhunderts.

Erweitert hat sich das panoptische Prinzip u.a. dahingehend, dass Überwacher und Überwachte nicht mehr an bestimmte Orte gebunden sind, Überwachung über territoriale Grenzen hinweg stattfindet, die Kontrolle der Individuen über Disziplinierung hinaus durch Verführung ausgeübt wird, die Überwachungsinstrumente sich um innovative Technologien erweitert haben, die Überwacher nicht mehr nur von ausgewählten Institutionen eingesetzt werden, Überwachte auch Überwacher sein können (Multiveillance).

Vervielfältigt haben sich auch die Intentionen der Überwachung. Individuen werden weiterhin durch Beobachtung kategorisiert und je nach Ziel werden die gewonnenen Daten anders verwertet und führen zu anderen Handlungen. Es laufen Prozesse der Integration und des Ausschlusses, der Verführung und Disziplinierung ab.

Das Panopticon besitzt weiterhin einen hohen Grad an Aktualität. Es kann herangezogen werden, um die genannten neuen Prozesse und Erweiterungen der Überwachung im 21. Jahrhundert besser nachzuvollziehen und zu verstehen.

 

PANOPTICON 2.0

Die Arbeit Panopticon 2.0 (2017) greift das panoptische Architekturprinzip von Jeremy Bentham auf und spielt auf die panoptische Gesellschaft des 21. Jahrhunderts an. Diese gedankliche Weiterentwicklung des ursprünglichen Panopticons trägt eine höhere Versionsnummer (2.0), ähnlich weiterentwickelter und veränderter Computerprogramme. Das Panopticon 2.0 setzt sich zusammen aus einer circa 65 cm Durchmesser großen Hohlkugel mit Gucklöchern und einer Überwachungskamera mit Lichtquelle im Inneren. Neben der Hohlkugel ist auf einem Bildschirm und in einer VR-Brille ein Video zu sehen, welches aus der Perspektive der Überwachungskamera und damit aus dem Kugelinneren die Augen der in die Kugel Hineinblickenden zeigt.

Das Panopticon Benthams erlaubt vom Überwachungsturm in der Mitte aus eine 180° Sicht auf die Insassen. Das Panopticon 2.0 hat die Form einer Kugel und bietet damit eine 360° Rundumsicht. Es gibt keine Ecken und Kanten. Egal an welcher Stelle eine Person hinein blickt, wird sie von der Überwachungskamera im Inneren gesehen. Durch die Gucklöcher strahlt Licht aus dem Kugelinneren in die Umgebung. Das Panopticon 2.0 zieht damit die Aufmerksamkeit der Personen auf sich und verführt sie, in die Kugel zu blicken und damit Teil des Panopticons 2.0 zu werden. Ähnlich der heutigen panoptischen Gesellschaft des 21. Jahrhundert setzt das Panopticon 2.0 nicht mehr vordergründig auf Repression, sondern auf Verführung der Individuen. Sie wollen Teil der panoptischen Gesellschaft sein und nicht ausgeschlossen werden.

Blickt ein Individuum in das Panopticon 2.0 ergeben sich unterschiedliche Beobachtungs- und Überwachungshierarchien. Der Hineinblickende hat die Möglichkeit andere Hineinblickende zu beobachten, am besten diejenigen, welche ihm gegenüber sind, am schlechtesten bis gar nicht, diejenigen, deren Guckloch neben seinem eigenen liegen. Die Überwachungskamera repräsentiert die unbekannte Instanz, welche jedes Individuum zu jeder Zeit potentiell überwachen kann und selbst anonym bleibt. Der Hineinblickende, der damit Teil des Panopticons 2.0 wird, ist sich seiner ständigen potentiellen Sichtbarkeit bewusst, sei es durch die anderen Hineinblickenden als auch der nicht greifbaren Instanz der Kamera. Erkennbar wird damit das Phänomen der Multiveillance und der technisch vermittelten, multimedialen Überwachung. Letzteres bringt den Aspekt der zeitlichen und örtlichen Unabhängigkeit der Überwachung mit sich.

VR-Brille und Bildschirm geben einen Einblick in die Perspektive der anonymen Überwachungsinstanz der Kamera. Der Betrachter nimmt die Position der Kamera ein und sieht, was diese wahrnimmt, alle hineinblickenden Individuen. Derjenige, der die VR-Brille trägt, befindet sich im Inneren der Kugel und kann sich 360° umsehen und entscheiden, welche Individuen er in den Fokus nehmen und überwachen möchte ohne dabei selbst von diesen gesehen zu werden.